Konkurrenz auf dem Feld der Pflege der Seelen

Nach Szasz sollte man einmal den Gedanken erwägen, ob nicht auch die Systeme der Tiefenpsychologie und Psychotherapie ‘weltliche Predigten und Verkündigungen’ sind, das heißt die Erfindung einer neuen Suggestivsprache, die eine zügige Metaphorik eingeführt hat, durch die man fast jeden Menschen als ‘krank’ bezeichnen kann. Mit ihrem neuartigen Sprachschatz machten die Schöpfer psychotherapeutischer Lehren sehr erfolgreich der Religion Konkurrenz auf dem Feld der ‘cura animarum’, der Pflege der Seelen. Um das aber leisten zu können, mussten sie ‘Ersatzreligionen’ schaffen, und solche bekleiden sich am besten im Geiste der Neuzeit mit dem hübschen Mantel der ‘Wissenschaft’.

—Josef Rattner

“Scheinbehandlungen”

Geht man der Geschichte der Psychotherapie nach (man kann sie in der Neuzeit bei Franz Anton Mesmer anfangen lassen), dann wird man gewahr, dass sie immer schon ‘Scheinbehandlungen’ anbot, die auf Miteinandersprechen, Umstimmung des ‘Patienten’ und
Neuorientierung seines Verhaltens hinzielte. Gewöhnlich war es der Patient selbst, der sich heilte, weil er neue Wege vor sich sah, die ihn aus seiner Resignation und Verzweiflung
herausführten. Der Therapeut steuerte hierzu den schwer fassbaren Einfluss seiner Persönlichkeit und eine ‘Metaphorik’ bei, die die Zustände des ‘Kranken’ irgendwie sinnvoll einzuordnen versuchte. Die Beliebtheit aller psychotherapeutischen Verfahren war nach Szasz schon aus diesem Grunde gesichert, weil die Psychiater nur sehr schmerzhafte und gewaltsame Methoden anzubieten hatten; daher waren die Patienten glücklich, wenn man sie nur mit Worten oder ‘Suggestionen’ behandelte.

—Josef Rattner