“Scheinbehandlungen”

Geht man der Geschichte der Psychotherapie nach (man kann sie in der Neuzeit bei Franz Anton Mesmer anfangen lassen), dann wird man gewahr, dass sie immer schon ‘Scheinbehandlungen’ anbot, die auf Miteinandersprechen, Umstimmung des ‘Patienten’ und
Neuorientierung seines Verhaltens hinzielte. Gewöhnlich war es der Patient selbst, der sich heilte, weil er neue Wege vor sich sah, die ihn aus seiner Resignation und Verzweiflung
herausführten. Der Therapeut steuerte hierzu den schwer fassbaren Einfluss seiner Persönlichkeit und eine ‘Metaphorik’ bei, die die Zustände des ‘Kranken’ irgendwie sinnvoll einzuordnen versuchte. Die Beliebtheit aller psychotherapeutischen Verfahren war nach Szasz schon aus diesem Grunde gesichert, weil die Psychiater nur sehr schmerzhafte und gewaltsame Methoden anzubieten hatten; daher waren die Patienten glücklich, wenn man sie nur mit Worten oder ‘Suggestionen’ behandelte.

—Josef Rattner